Der Nationalpark Jasmund

Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde und Förderer des Nationalparkes Jasmund e.V.

Nr.6                                                   September 1994


Sagen der Stubnitz (I)

Liebe Vereinsmitglieder.

auf der letzten Redaktionssitzung wurde beschlossen, unsere Mitglieder mit Informationen zu versorgen, die älterer Literatur entnommen werden. Dabei ist vorgesehen, das Innenblatt des Heftes (4 Seiten) dafür zu nutzen. Damit ist die Möglichkeit gegeben, diese Texte gesondert zu sammeln und abzuheften.

Begonnen wird mit Auszügen aus :

Haas, U.: Rügensche Sagen und Märchen ~ 3. Auflage, Stettin 1903

Wir wollen nur die Sagen, die das Gebiet des Nationalparkes betreffen, an dieser Stelle aufnehmen. Sollte jedoch seitens der Vereinsmitglieder der Wunsch bestehen, auch die anderen Sagen über Rügen kennenlernen zu wollen, so können wir diesem Wunsch (allerdings etwas eingeschränkt) nachkommen.

"Die Entstehung der Insel Rügen ist in Niederdeutsch" erzählt- Ist eine Übersetzung notwendig ?

Sagen der Stubnitz

1. Die Entstehung der Insel Rügen

As unsí Herrgott de Welt schaffen dehd un all binah dormit farig wir, stunn he eenes Abends so kort vör Sünnenunnergang up Bornholm un keek von hier nah de pommersche Küst röwer. Bi em leg de Murerkell un de grote Moll, in de öwer man blot noch'n lütt bäten Ird öwrig wir, denn he harr all den ganzen Dag arbeit't. As he nu so öwer dat Water wegkeek, schient em de pommersche Küst doch gor to kahl to sin; em dücht, so'n bäten müßt dor wol noch an dahn warden.

He naem also dat letzte ut de Moll un klackt dat von Bomholm ut an de Küst ran, öwer dat kem nich ganz ranne. So ungefihr 'ne halwe Miel varto feel dat int Water, un so entstünn de Hauptdeel von Rügen. Uns' Herrgott fohrt gliek noch ees mit de KeIl an de Kanten entlang und makt se nah buten to hübsch glatt un rund, un so wür Rügen an Enn' grad so'ne Insel worden sin, as all de annern ok sünd. Intwischen wir de Sünn öwer binah ganz unnergahn, un uns' Herrgott wull Fierabend maken; dorüm kratzt un schrapt he noch fixing alls tosamen, wat in de Moll anhackt wir, un wiel he keen' bätere Verwendung dorfür harr, klackt he dat ok noch an de Insel heran. So entstünn Jasmund und Wittow. Dat seech zworst en bäten ruch ut, öwer uns' Herrgott dacht: nu is Fierabend, un nu latít man so wäsen, as't isít.

So ist't kamen, dat Rügen bet up'n hütigen Dag nah Nurden und Nurdosten to so bunt und terräten utsüht.

Nach mündlicher Mitteilung durch Konrektor P. Grützmacher

2. Die Göttin Hertha auf Rügen

Die Herthaburg nahe bei Stubbenkammer war in heidnischen Zeiten der Wohnsitz der Göttin Hertha. Diese war den Menschen stets wohlgesinnt und segnete ihre Fluren und Äcker mit Früchten. Wenn aber die Zeit der Ernte da war, dann fuhr die Göttin auf einem mit Kühen bespannten Wagen durch das Land, und überall, wohin sie kam, wurde sie mit Jubel begrüßt. Ein Priester, welcher die Hertha bei ihrem Umzuge begleitete, führte dieselbe, wenn sie sich an dem Anblick der Menschen gesättigt hatte, in ihr Heiligtum zurück. Alsdann badete sich die Göttin in dem benachbarten Herthasee. Die Diener aber. welche hierbei hilfreiche Hand leisteten, wurden sämtlich getötet. Deshalb hat auch niemand genaue Kunde darüber, wie es eigentlich beim Dienste der Hertha zugegangen sei. Andere erzählen, es seien alljährlich ein edler Jüngling und eine edle Jungfrau der Göttin Hertha zu Ehren im See ertränkt worden.

Wenn man den Fußsteig benutzt, welcher am Ufer des Herthasees entlang bis hinter den Wall führt, so erblickt man mitten gegen den See einen Einschnitt im Ufer - das soll die Stelle sein, wo der heilige Wagen der Göttin Hertha in den See hinabgestürzt wurde. Es wird auch berichtet, daß in früheren Zeiten eine Brücke über den See geführt habe.

Mündlich, Rellstab: Ausflucht nach der Insel Rügen. Berlin 1797. S. 81 Grümbke: Streifzüge durch das Rügenland.

3. Die Herthabuche

Dicht vor dem Eingange zur Herthaburg steht eine starke, schön gewachsene Buche, eine der stattlichsten Bäume der Stubnitz. Dieser Baum hat ehemals zum Dienste der Göttin Hertha gehört. Denn aus dem Rauschen der Zweige dieses Baumes sagte der Priester die Zukunft voraus, und die Göttin teilte auf diese Weise ihren Willen mit. Darum heißt der Baum bis auf den heutigen Tag die Herthabuche.

Die Herthabuche liegt an einer freien Stelle des Waldes. Als Grund dafür wird angegeben, daß in gewissen Nachten des Jahres die Elfen bei Mondschein um den Baum herumtanzen, nachdem sie vorher im Herthasee gebadet haben.

Mündlich - Vor ungefähr fünfzig Jahren (um 1850 - d. Red.) war die Herthabuche, deren Alter auf 450 bis 500 Jahre geschätzt wird, in großer Gefahr abzusterben. Doch gelang es infolge der sorgsamen Pflege, welche auf die persönliche Anordnung Sr. Majestät des Königs Friedrich Wilhelm 1V dem Baume gewidmet wurde, diesen am Leben zu erhalten.

4.0pferstein bei der Herthaburg

In der Nähe der Herthaburg liegt ein großer Felsblock, welcher im Munde des Volkes der Opferstein heißt. Auf ihm sollen ehemals Menschenopfer dargebracht sein, man weiß aber nicht mehr genau, ob der Hertha oder einer anderen heidnischen Gottheit.

Der zu opfernde Mensch wurde, nachdem auf dem Wall der Herthaburg ein feierlicher Opferumgang gehalten worden war, mit dem Rücken in die ausgehöhlte Fläche des Steines gelegt, so daß sein Kopf über die obere Kante desselben hervorragte. Wenn dann der Kopf vom Rumpfe getrennt war, floß in der an der anderen Seite des Steines befindlichen und noch jetzt sichtbaren Blutrinne ab und wurde in einem ausgehöhlten Steine aufgefangen, welcher sich gleichfalls noch am Fuße des Opfersteines befindet. An der Stelle, wo das Blut von dem Steine abfloß, soll sich niemals Moos ansetzen.

Mündlich - Über den Stein vgl. Baier: Die Insel Rügen nach ihrer archäologischen Bedeutung, Stralsund 1886, S. 68

5. Die Steinprobe

In der Stubnitz, nicht weit vom Herthasee, findet man einen Stein, in welchem man deutlich die Spuren eines bloßen Fußes und eines ganz kleinen Kinderfußes abgedrückt sieht. Davon erzählt man sich folgendes :

Zur Zeit. als noch der Dienst der Göttin Hertha auf der Insel bestand, war unter den Jungfrauen, die der Göttin zu ihrem Dienste geweiht waren, ein junges und sehr schönes Mädchen. Diese, obgleich sie der Göttin ewige Jungfrauschaft hatte geloben müssen, hatte eine Liebschaft mit einem fremden jungen Ritter, mit dem sie allnächtlich heimliche Zusammenkünfte an den Ufern des heiligen Sees hielt.

Sie hatte aber ihre Liebe nicht so geheim halten können, daß nicht dem Oberpriester der Göttin Kunde davon geworden wäre. Diesem wurde es hinterbracht, daß eine der Jungfrauen strafbare Liebe pflege, nur welche es sei, konnte man ihm nicht sagen.

Der Priester stellte alle Jungfrauen zur Rede; aber keine bekannte, auch die schuldige nicht. Da rief er die Göttin an, daß sie ihm die schuldige durch ein Wunder entdecken möge. Er führte nun sämtliche Jungfrauen in den Wald zu einem großen Opfersteine. Dort befahl er ihnen, daß sie, eine nach der andern, mit nackten Fuße auf den Stein treten mußten. Das taten sie, und als die schuldige den Stein betrat, da offenbarte sich plötzlich ihr Vergehen, denn nicht nur ihr eigener Fuß drückte sich in dem harten Stein ab, sondern daneben auch der Fuß eines Kindes. Dies sind die Fußspuren, die man zum ewigen Wahrzeichen noch jetzt in dem Steine sieht.

Der Priester soll die Sünderin oben von der Stubbenkammer haben in das Meer stürzen lassen; aber ein Engel hat sie, wie die Leute sagen, in seine Arme genommen und sanft heruntergetragen. Unten hat ihr Geliebter schon auf sie gewartet und sie in seinem Schiffe mit sich genommen in seine ferne Heimat.

Temme Volkssagen Nr. 276. Die Sage ist poetisch behandelt von Enoch Wiesener (nicht von Kosegarten, wie gewöhnlich angegeben wird). Vgl. Sundine 1829 S 140ff - Eine in vielen Punkten abweichende Fassung der Sage 6ndet sich bei Jahn: Volkssagen aus Pommern und Rügen, Stettin 1886, Nr. 225

II.

Auf dem Opferstein bei der Herthaburg sieht man die Eindrücke von einem gewöhnlichen Menschenfuße, einem Kinderfuße und einem Hasenfuße. Damit verhält es sich folgendermaßen:

Einst sollte hier ein Jungfrau geopfert werden, welche in dem Verdachte stand, mit dem Schwarzen Umgang gepflogen zu haben. Sie aber beteuerte ihre Unschuld, und die Priester verlangten ein Zeichen, daß sie rein vor Gott sei und mit dem Bösen nichts zu tun habe. Da erschien ein fremdes Kind, das war ein Engel; und zugleich zeigte sich ein Hase, das war der Böse. Und das Kind nahm die Jungfrau bei der Hand und ging mit ihr über den Stein, der Hase aber folgte ihnen nach. Von allen dreien sind die Eindrücke ihrer Füße auf dem Stein zurückgeblieben, und daran hat man die Unschuld des Mädchens erkannt.

Sundine 1837 S.388 - Der Eindruck des Hasenfußes wird auch als Spur von dem Fuße eines Hundes gedeutet.


Hinweise, Kommentare und Vorschläge bitte an teschke@mathematik.hu-berlin.de

Letzte Änderung: 27.07.1998

Zurück zum Index

Zurück zur Homepage des Fördervereins